Assads blutendes Antlitz

In provisorischen Gefängnissen fällen die syrischen Rebellen Urteile über die Anhänger Assads. Es gilt das Recht des stärksten Mannes.

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MAREA/SYRIEN – Unter den blutigen Rasiermesserschnitten ist Baschar al Assad kaum noch zu erkennen. Tamer* trägt ihn über dem Herzen, mitten auf die Brust tätowiert. Daneben andere Mitglieder des syrischen Regierungsclans, Frauengesichter, Tiger, Vögel und der Schlachtruf „Nur Gott, Syrien und Baschar.“ Sein Körper war eine Loyalitätsbekundung an Syriens Regime. Aber das ist Vergangenheit. Als die Rebellen in seine Heimatstadt Aleppo einmarschieren ergibt sich der Bäckersgehilfe Tamer den neuen Machthabern. Mit dem Rasiermesser, das er sonst benutzt um Mehlsäcke aufzuschlitzen, läuft er zum Hauptquartier der Rebellen, zieht sich sein Hemd vom Oberkörper, schreit „Ich gebe mein Blut für die Freie Syrische Armee“ und ritzt das tätowierte Portrait Assad von seiner Brust.

So erzählt Tamer die Geschichte hier im Rebellengefängnis in der Stadt Marea im Norden der Provinz Aleppo. Er erzählt sie unter den Augen von Jumbo. So nennt sich der Gefängnisdirektor. Jumbo sieht so aus wie er heißt. Sein T-Shirt spannt sich über seine massiven Arme und den runden Bauch. Er trägt eine Pistole im Halfter unter seinem rechten Arm. Das Gefängnis war vor dem bewaffneten Aufstand eine Schule. Jumbo war vor dem Aufstand LKW-Fahrer.

Er weigert sich, uns alleine mit den Gefangenen sprechen zu lassen. Jumbo ist niemand mit dem man sich anlegen will, niemand, den man als Gefangener zum Aufseher haben will. So sagen sie dass ihre Wunden, ihre blauen Flecken von Stürzen oder umher fliegenden Splittern bei Gefechten kommen; erzählen, wie gut sie hier behandelt werden; und schwören der Freien Syrischen Armee ihre Treue.

Vieles was sie sagen ist nicht glaubhaft. Auch Tamers Geschichte kann nicht unabhängig geprüft werden, aber es ist unwahrscheinlich, dass Jumbo uns zu Tamer lassen würde, wenn seine Narben von Misshandlungen stammen würden.

Jumbo sagt, dass Tamer einer der Shabiha, der Geister sei, wie sie die bezahlten Söldner des Regimes hier nennen. Deshalb halten sie ihn hier fest. Mehr hat haben sie nicht in der Hand. „Ich habe keine Beweise, dass er jemanden getötet hat.“ Meist sitzt Jumbo weit zurück gelehnt im Bürostuhl hinter seinem Schreibtisch. Als Tamer bestreitet, ein Shabiha zu sein, fängt Jumbo laut an zu lachen. Sein Körper bebt dabei. Er lacht jedes Mal, wenn er etwas an Tamers Geschichte nicht glaubt.

Der Rebellenstaat in der Provinz

Der bewaffnete Aufstand in Aleppo wurde aus dem Hinterland in die Stadt getragen. Erst nachdem die Provinz sich in den letzten Wochen der syrischen Regierungstruppen entledigt hat, sind die Rebellen aus den staubigen Käffern nahe der türkischen Grenze in die Provinzhauptstadt Aleppo gezogen. Diese Orte auf dem Land sind der strategische Rückhalt im Kampf um die Viertel im Nordwesten Aleppos. Von hier kommen die Kämpfer, die wichtigen Kommandeure, Waffen und Verpflegung. Hierher kommen Kämpfer um sich zu erholen. Gefangene der Rebellen werden hier festgehalten und verurteilt.

Marea ist schon seit Monaten unter Kontrolle der Opposition. Bis vor kurzem wurde die Stadt zwar immer wieder beschossen, aber die Regierungstruppen konnten die Kontrolle nicht wieder an sich reißen. Die benachbarte Stadt Azaz war lange umkämpft, ist aber seit knapp zwei Wochen unter Rebellenkontrolle. Inzwischen ist der Großteil der Provinz Aleppo für die syrische Regierung verloren. Und langsam entwickelt sich ein Rebellenstaat mit einem eigenen Justizsystem, neuen Machthabern und ungekannter Freiheit.

Mancher hier ist getrieben vom Willen es besser zu machen als die alten Machthaber, mancher von Rachegelüsten. Jumbo zählt sich zu ersteren. Selbst gefangene Alawiten, Mitglieder der Religionsgemeinschaft, der Präsident Assad angehört, sollten keine Angst haben, sagt er. „Sie glauben, dass wir sie umbringen, aber wir bringen niemanden um. Wenn wir das gewollt hätten, hätten wir es längst gemacht.“

Zerklüftet und legitimiert durch Waffengewalt

Aus seinem Schreibtisch zieht Jumbo einen dünnen Plastikordner – bisher verhängte Urteile. Gefangene könnten sich verteidigen und Zeugen nennen. Er zeigt den Fall einer Gruppe von Alawiten, die die Rebellen festgenommen und hier eingesperrt haben. Auf einer Seite ist der Fall der Gruppe zusammengefasst. Hintergrund der Angeklagten, Beweislage, Urteil, unterschrieben von drei Richtern. „Wir hatten keine Beweise gegen sie, also haben wir sie gehen lassen“, sagt Jumbo.

Die anderen, die sie nicht haben gehen lassen, sind in einem großen Klassenraum eingepfercht. Etwa 120 Gefangene sind hier. Sie haben ihnen einen „new look“ verpasst, sagt Jumbo, ihnen Bart und Haare abrasiert. Sie beten fünf mal am Tag und studieren den Koran, vielleicht aus Reue, vielleicht um ihre Wärter zufrieden zu stellen, vielleicht werden sie gezwungen. Jumbo scheint überzeugt, dass die Hinwendung zu Gott wirkt. „Sie sind glücklicher und sie ändern ihre Einstellung“, sagt er.

Das provisorische Justizsystem ist zerklüftet und legitimiert durch Waffengewalt. Es ist eine Militärjustiz, dominiert von einem Kommandeur der Freien Syrischen Armee. Aber in einem Land mitten im Bürgerkrieg, wo Dissidenten über Jahrzehnte einfach verschwunden sind, ohne Urteil, ohne Nachricht an die Familien, bedeutet es viel, dass Gefangene sich verteidigen können, dass Urteile einsehbar sind, dass es überhaupt Verfahren gibt. Es ist ein scheint ein Versuch zu sein, ein faireres System zu schaffen. Aber es ist nur ein Versuch im Kleinen. Jede Stadt hier hat ihre eigene Machtstruktur. Recht bleibt in dieser Übergangszeit Zufall, Gesetze werden zu Gesetzen, weil sie ausgeübt werden.

“Die meisten von ihnen sind gestorben.“

Über dem Schreibtisch von Abu Anas, einem Rebellenkommandeur aus der nahegelegenen Stadt Azaz, hängt eine schwarze Flagge mit der arabischen Aufschrift „Es gibt keinen Gott außer Gott. Muhammed ist sein Prophet.“ Es ist das schwarze Banner, dass auch al Kaida nutzt. Auf seinem Schreibtisch liegen der Koran und ein silbernes Schwert. Abu Anas ist einer von drei Kommandeuren aus Azaz. Er hat dichtes, lockiges Haar, das er nach hinten ölt. Er ist gerade 24 Jahre alt. Fragen nach seiner Vergangenheit beantwortet er nicht. Abu Anas legt wert darauf festzustellen, dass es die schwarze Flagge vor al Kaida gab. Er habe nichts mit der Terrororganisation zu tun, sie sei hier nicht willkommen. Aber in seiner Welt herrscht der Islam. Und unter seiner Ägide werden Urteile schneller gefällt als in Jumbos Welt.

Im finalen Kampf um Azaz haben sie Regierungssoldaten gefangen genommen, sagt Abu Anas. Was mit ihnen passiert sei? Seine Antwort ist vage aber vielsagend. „Wir konnten uns nicht um sie kümmern. Die meisten von ihnen sind gestorben.“ Vorher, als Abu Anas nicht im Raum ist führt ein Untergebener lachend mit Gesten vor, wie sie Gefangene gefesselt und erschossen haben.

Tiefe Narben bleiben

In der Bevölkerung in der Provinz Aleppo ist die Angst verbreitet, dass die bewaffneten Befreier von heute zu den autokratischen Herrscher von morgen werden. „Wir wollen nicht, dass die Freie Syrische Armee die Macht übernimmt“, sagt Muhaned*, ein ehemaliger Journalist aus Marea, der lange in Griechenland und den USA gelebt hat. Er plant für die Zeit nach Assad, organisiert jede Woche Diskussionsrunden in den Städten der Provinz. Er will den Grundstein für die Zivilgesellschaft nach der Revolution legen. Meist geht es in den Männerrunden darum, wie viel Islam im neuen Staat seien soll. Es ist eine Art lokales Parlament, ein Ort an dem sie ihre Meinung frei äußern können, streiten und zu Kompromissen finden. Doch momentan liegt die Macht noch in den Händen derer, die Waffen tragen, den Bauern und Händlern, die zu Rebellenkommandeuren geworden sind.

Im Rebellengefängnis von Marea lässt Jumbo Tamer seine Familie anrufen. Tamer erreicht seine Frau. Sie haben sechs Kinder. „Ich bin bei der Freien Syrischen Armee“, sagt er. „Kein Problem.“ Seine Frau gibt sich erleichtert. „Da kannst du Essen und fühlst dich endlich sicher.“ Er verabschiedet sich. Die Wärter führen ihn das Klassenzimmer ab, das jetzt die Zelle für die Gefangenen ist. Bevor er den Raum verlässt sagt er: „Betet für uns, dass wir Baschar los werden.“ Die Schnitte in seiner Brust sind noch offen. Auch wenn Baschar kaum zu erkennen sein wird, tiefe Narben bleiben.

*Name geändert.