Das Tor Europas

Der Weg nach Europa führt für die meisten Flüchtlinge über Istanbul nach Athen. Doch die Hoffnung auf ein besseres Leben endet für viele mit dem Tod in den Strömen des Evros.

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ATHEN/ISTANBUL – Nur 50 Meter, um die kriegsversehrte Heimat hinter sich zu lassen. Die kurze Bootsfahrt über den Fluss Evros soll die letzte Etappe ihrer Flucht aus Afghanistan nach Europa sein.

Schon seit Wochen sind Parwin Rahimi und ihre Familie auf der Reise. Dreizehn Menschen insgesamt. Sie quälten sich zu Fuß über die Berge zwischen dem Iran und der Türkei, wurden eine Woche von einem Schmuggler in einem Stall gefangen gehalten und mussten stundenlange Fahrten zusammengepfercht auf der Ladefläche eines Lieferwagens überstehen. Doch der Fluss Evros, der die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland markiert, wird die größten Opfer von ihnen fordern: Das Leben von Parwin Rahimis Tochter, vier Jahre alt, das Leben ihres Neffen, 22 Monate alt, des Sohnes ihrer Cousine, sieben Monate alt, und die Leben zweier Schwager. Alle ertrunken im Fluss Evros.

Hier, in einer Wohnung in Athen, erinnert sich Parwin Rahimi an diese Nacht. Sie weint, zittert, schreit. Wenn sie erzählt, holt sie kaum Luft, kämpft um jedes Detail, als ob sie damit die Trauer für ein paar Momente verdrängen kann.

Der Weg von Istanbul über den Evros nach Griechenland ist zur Hauptroute für Flüchtlinge nach Europa geworden. Sie kommen aus den arabischen Staaten, aus den Ländern Afrikas und Asiens. Die meisten stammen aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan. Im vergangenen Jahr versuchten laut EU-Grenzpolizei Frontex mehr als 55 000 Menschen, über den Fluss in ein besseres Leben überzusetzen, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Und das sind nur jene, die von der Polizei erwischt und registriert wurden. Die Dunkelziffer liegt erheblich höher. Auch bei denen, die ihr Ziel nie erreichen. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 50 ertrunkene Flüchtlinge aufgefunden. Gestorben sind aber wohl viel mehr. Die meisten Leichen werden einfach ins offene Meer gespült.

Das Kind vom Evros mitgerissen

Es ist eine Mainacht diesen Jahres, als ein afghanischer Schlepper Parwin Rahimi und ihre Familie über die Grenze schmuggeln will. In seiner Wohnung warten sie auf den Fahrer, der sie an den Fluss bringen soll. Um zehn Uhr holt der Fahrer sie ab. „Wir haben angefangen zu zittern“, erinnert sich Rahimi.

Von Istanbul aus werden die Flüchtlinge Richtung Westen gefahren. Das Auto ist voll. Sie sitzen sich gegenseitig auf dem Schoß. Der Fahrer setzt sie in der Nähe des Flusses ab. Dort wartet ein anderer Schlepper, sein Gesicht hat er mit einem Tuch vermummt. Sie sollen ihm folgen, sagt er. Eine Stunde lang laufen Parwin Rahimi und ihre Kinder durch die Dunkelheit, verlieren ihren Führer im Wald, bis sie doch noch irgendwie das Ufer des Flusses erreichen. Dort steht ein billiges Schlauchboot für die Überquerung bereit. Das Boot ist undicht. Der Schlepper flickt das Loch notdürftig. Die bangen Fragen der Flüchtlinge bürstet der Maskierte ab: „Was wisst ihr schon, ihr Afghanen?“

Am Ende bleibt ihnen keine Wahl, als sich in das undichte Boot zu drängen. Die Männer setzen sich an den Rand, die Frauen weiter nach innen und die Kinder in die Mitte. Nur einer aus der Familie kann schwimmen.

Das Boot verliert schnell an Luft, Wasser dringt ein, die Kinder fangen an zu schreien. Irgendjemand holt eine Taschenlampe hervor, leuchtet in die Dunkelheit, in der Hoffnung auf Rettung. Aber es kommt keine Hilfe. In einem verzweifelten Versuch, das Boot über Wasser zu halten, wirft die Familie ihre Taschen, ihren einzigen Besitz, über Bord. Das Boot kentert trotzdem. Parwin Rahimi fällt in den Fluss, wird mitgerissen, schafft es dann aber doch irgendwie ans rettende Ufer. Zwei andere Familienmitglieder halten sich für Stunden an Ästen fest, um irgendwie über Wasser zu bleiben. Auch Parwins Schwester Fatima greift nach vorbeischwimmenden Ästen, hält sich fest, geht unter und gelangt irgendwann ebenfalls aufs Festland. Zwischen den verzweifelten Schreien der anderen hört sie die Stimme ihres Mannes. „Tina, Tina!“, ruft er. Der Name ihrer Tochter. Da weiß Fatima Rahimi, dass ihr Kind vom Evros mitgerissen wurde.

In der Morgendämmerung wird die Familie eingesammelt, wie Strandgut haben sich die Mitglieder über das Flussufer verteilt. Manche werden von der griechischen Polizei gerettet, andere von Flüchtlingen, die ebenfalls gerade den Fluss überqueren.Zurück bleiben fünf weitere undokumentierte Opfer des Evros.

Die Geschichte von Parwin Rahimi und ihrer Familie ist eine, die mit großer Hoffnung beginnt und tragisch endet. Die Idee von einem besseren Leben in Europa bringt sie dazu, enorme Kosten und Strapazen auf sich zu nehmen – und tödliche Risiken.

„Kümmert euch nicht um die griechischen Polizisten.“

Eine Wohnung in Istanbul. Sie gehört einem Schmuggler. Sechs junge Afghanen bereiten sich hier auf die Reise über die Grenze vor. Der jüngste ist 14 Jahre alt. Als sie hören, dass der Fahrer in einer halben Stunde kommt, packen sie ihre Rucksäcke, stecken ihre Telefone in Plastikbeutel und ziehen sich ihre guten Kleider an. Einer steht vor dem Spiegel, versucht seine Strähnen mit Haarspray perfekt auszurichten. Schweigen, nervöses Gelächter, wieder Schweigen. Nur noch ein paar Stunden, und sie sind in Griechenland. Vielleicht. Sie verlassen die Wohnung. Sechs junge Männer, eine ganz andere Gruppe als die Familie Rahimi – und doch mit den selben Hoffnungen.

Um diese Hoffnungen herum hat sich ein lukratives Geschäft entwickelt. Mit klarer Aufgabenverteilung. Für jede Station der Flucht gibt es Fahrer, Führer, Späher und Mittelsmänner, letztere kommen meist aus dem selben Land wie die Flüchtlinge. Mustafa etwa, Afghane, seit fünf Jahren schmuggelt er Menschen. Er ist 18 Jahre alt.

„Ich habe keine Angst, vor niemandem. Ich sage alles zu jedem“, prahlt Mustafa. Seinen richtigen Namen will er trotzdem nicht preisgeben. Er sitzt in einem Kebabhaus, irgendwo in Istanbul, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mustafa erzählt. Wie er erst Menschen aus dem Iran in die Türkei geschmuggelt hat, jetzt aus der Türkei nach Griechenland. Dafür nimmt er mindestens 1.000 Dollar pro Person, manchmal 2.000, wenn die Flüchtlinge aussehen, als hätten sie Geld. Schlepper, die Flüchtlinge an und über die Grenze bringen, bekommen 400 Dollar.

In den vergangen zwei Jahren habe er ungefähr 800 Menschen geschmuggelt, sagt Mustafa. Ein Problem beim Grenzübertritt seien nur die Polizisten auf der türkischen Seite. Sobald die Flüchtlinge in Griechenland seien, könne nichts mehr passieren. „Ich sage ihnen: „Kümmert euch nicht um die griechischen Polizisten. Sie deportieren euch nicht nach Afghanistan.““

Istanbul ist zu einer wichtigen Transitstation auf den weltweiten Flüchtlingsrouten geworden. Der Landweg von Asien und Afrika nach Europa führt die meisten Menschen irgendwann hier durch. Dabei will der Großteil so schnell wie möglich von hier weg. Wer genug Geld hat und die Schlepper sofort zahlen kann, muss nur ein paar Tage warten, manchmal sogar nur ein paar Stunden. Für seine Dienste hat Mustafa ein informelles Geldtransfer system aufgebaut. Wer kein Bargeld hat, kann seine Familie einen Kontaktmann in Afghanistan bezahlen lassen. Sobald der den Geldeingang bestätigt, kümmert sich Mustafa um den Grenzübertritt.

Andere müssen sich das Geld für die Weiterreise in der Schattenwirtschaft der türkischen Metropole erarbeiten. In stickigen Kellern im Istanbuler Stadtteil Zeytinburnu arbeiten Hunderte Afghanen in illegalen Textilfabriken. Ibrahim etwa, 15 Jahre alt, ist alleine aus Afghanistan in die Türkei geflüchtet. Jetzt klebt er billige Pelzwesten zusammen, 60 Stunden die Woche für 30 Euro. Er arbeitet, isst und schläft. Mehr macht er nicht. Den Keller verlässt er nie. Ziel seiner Flucht ist Deutschland, wo er Freunde hat. Aber alleine, um genug Geld für die Reise nach Griechenland zusammen zu bekommen, muss er rund ein Jahr hier schuften. Und ob er dann jemals aus Griechenland weg kommt, ist ungewiss.

„Die Menschen dort haben mehr Liebe für einander.“

Von all den illegalen Grenzübertritten, die zwischen Afghanistan und Mitteleuropa liegen, soll der aus Griechenland Richtung Norden der schwierigste und teuerste sein. Die Flüchtlinge versuchen entweder, über das Mittelmeer als blinde Passagiere an Bord von Fähren nach Italien zu kommen, oder über den Balkan nach Österreich. Beides ist schwer, und die Chance, dass sie erwischt und zurück nach Griechenland geschickt werden, ist groß.

Die meisten von ihnen bleiben irgendwann in Athen hängen. Hier gibt es kein Vor und kein Zurück. Geld, um die Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurück zu fliegen, hat das klamme Griechenland nicht. Andererseits ist es aussichtslos, Asyl zu beantragen. Weniger als ein Prozent der Anträge werden bewilligt, der Großteil wird wegen Überlastung gar nicht erst bearbeitet. Fast jeder hier hat eine Geschichte von einer gescheiterten Flucht zu erzählen.

Zarkir, 15 Jahre alt, lebt zusammen mit rund zehn anderen afghanischen Flüchtlingen in einem kleinen Zimmer im Zentrum Athens. Das Gebäude liegt in einem Viertel, dass für Prostitution und Drogen bekannt ist. Sie nennen es das Mafia-Haus in der Junkie-Straße. Es war nie sicher hier, aber mit der Wirtschaftskrise sind die Immigranten, für rechtsradikale Gruppen zu Sündenböcken und einfachen Opfern geworden. Die Flüchtlinge sagen, dass sie sich nicht mehr auf die Straße trauen, weil sie ohne Vorwarnung attackiert werden.

Zarkir musste aus Afghanistan fliehen, weil sein Cousin für die Regierung gearbeitet hat. Die Taliban drohten der Familie mit Vergeltung. Seit er vier Jahre alt war, konnte Zarkir sich deshalb nur in der nahen Umgebung seines Elternhauses bewegen. Dabei will er in die Schule gehen, am besten in England, da sei es sicher, habe ein Freund ihm erzählt: „Die Menschen haben mehr Liebe für einander.“

Aber der Weg dahin scheint verschlossen zu sein. Er hat ein paar Mal in der griechischen Hafenstadt Patras versucht, sich auf eine Fähre zu schmuggeln, ist aber immer erwischt worden. Er hat in den Olivenhainen am Rande der Stadt geschlafen, auf seine Chance gewartet, aber es wurde zu kalt. Irgendwann gab er auf und ging nach Athen zurück. Wieso ist er nicht mit Schleppern in einem LKW über die Grenze gefahren oder alleine, mit einem gefälschten Pass? „5000 Euro. Das ist unmöglich,“ sagt Zarkir. Er ist inzwischen seit einem Jahr in Athen.

Parwin Rahimi und ihre Familie wurden auf der griechischen Seite der Grenze von der Polizei aufgenommen und mit dem Zug nach Athen geschickt. Ihr Geld und ihre Wertsachen hatte die Familie im Fluss verloren. In Athen beschafften ihnen Verwandte eine Wohnung und Geld.

„Unser Ziel war es, unseren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Wir wollten nach Deutschland, in die Schweiz “, sagt Parwin Rahimi. Doch alle diese Hoffnungen sind zerstört. „Jetzt, wo wir unsere Kinder verloren haben, haben wir unsere Ziele verloren.“