Die Angst vor der Revolution

Der syrische Präsident Baschar al Assad hat weiterhin auch Rückhalt im Volk. Manche haben mehr Angst vor der Revolution als vor ihm. Warum es auch Syrer gibt, die am Aufstand zweifeln.

IDLIB PROVINZ/SYRIEN – Dieses Dorf soll ohne Namen bleiben. Zu groß ist die Angst der Bewohner, dass die Sicherheitskräfte wiederkommen, dass die Männer festgenommen und gefoltert werden, dass sie für immer verschwinden. Sie werden nicht unterscheiden können, meint Abu Hamad, zwischen den Leuten, die bewaffnet Widerstand leisten, und Menschen, die sich plötzlich in Mitten eines Aufstandes wiedergefunden haben, den sie so nicht wollten. Hamad, ein Englischlehrer in Rente, graues Haar und grauer Schnäuzer, braune Lederjacke, zählt sich selbst zu den wenigen, die das alles so nicht haben wollten.

Das Dorf liegt irgendwo in der syrischen Unruheprovinz Idlib. Hier sei jeder auf der Seite der Opposition, sagen sie wieder und wieder: Die Aktivisten, die jede Nacht in einem kleinen, überhitzten Raum Videos ihrer Demonstrationen auf YouTube hochladen. Die Soldaten der aufständischen Freien Syrischen Armee, die um die Stadt Position bezogen haben und den Bewohnern ein vages Gefühl von Sicherheit geben. Oder der stets schwarz gekleidete Dorfvorstand, zu dem die Männer abends kommen, wenn sie ihre Streitigkeiten beilegen wollen. Nur Abu Hamad zweifelt, ist zerrissen. Er weiß nicht, ob er den Menschen im staatlichen Fernsehen glauben soll oder seinen Nachbarn und Freunden. Seine Zweifel sind ein Beispiel dafür, wie weit die Propaganda des syrischen Regimes reicht, und wie gespalten und komplex die Lage in Syrien ist.

Die UN schätzen, dass mindestens 5.000 Menschen in den elf Monaten des Aufstands in Syrien umgekommen sind. Diese Schätzung ist mehr als fünf Wochen alt, inzwischen dürften es Hunderte mehr sein. Auch während der Beobachtermission der Arabischen Liga ging die syrische Führung weiter brutal gegen Aufständische vor. Trotzdem hat der syrische Präsident Baschar al-Assad weiter Rückhalt in der Bevölkerung. Anfang Januar ergab eine Meinungsumfrage in Syrien, dass 55 Prozent der Befragten gegen seinen Rücktritt sind. Die Umfrage wurde von Katar finanziert – einem der offensivsten Kritiker Assads.

Am größten ist die Angst vor der Zeit nach der Revolution

Neben Abu Hamad liegt ein junger Aktivist auf dem Bett. Die Geister haben versucht, ihn umzubringen: Shabiha – Arabisch für Geister – nennen sie hier die halboffiziellen, bewaffneten Schlägertruppen des Regimes. Auf der Landstraße haben sie sein Auto beschossen, sechs Kugeln in seinen Körper gejagt. Eine in den rechten Arm, zwei in den Oberkörper, drei in das rechte Bein. Irgendwie hat er überlebt. Ein Nachbar war unter den Shabiha. “Das ist das Resultat des Aufstandes”, sagt Abu Hamad. Die Stadtbewohner sollen gegeneinander aufgebracht, das Land in Anarchie gestürzt werden. “Wir müssen zusammenstehen. Das schwächt uns vor dem wirklichen Feind”, sagt er. Und wer ist das, dieser wirklich Feind? Seine Antwort bleibt vage.

Noch immer haben viele Syrer weniger Angst vor Assad als vor dem, was nach ihm kommt. Und noch immer glauben viele Syrer den Äußerungen Assads, in denen er die Opposition als Verschwörung diffuser fremder Mächte abtut, die das Land destabilisieren wollen. Assad schürt damit bewusst Ängste vor Israel und den USA, Verschwörungstheorien um deren Plan zur Restrukturierung des Nahen Osten. Selbst hier, in einem Dorf voller Aufständischer, gibt es Männer wie Abu Hamad, die der offiziellen Version glauben – oder zumindest an der Motivation der Opposition zweifeln. Am größten ist die Angst vor der Zeit nach der Revolution unter den schiitischen, christlichen und alawitischen Minderheiten. Sie fürchten sich vor einer Machtübernahme durch die sunnitische Mehrheit.

Revolution oder nicht – das ist eine Entscheidung, die nicht der Einzelne trifft, sondern die Dorfgemeinschaft. Im Nachbardorf kann man leicht erkennen, wo die Loyalitäten liegen. An jeder Ecke hängen Bilder von Baschar al-Assad. Die Bewohner hier sind Schiiten. Sie stehen der vornehmlich alawitischen Führungsriege nahe. Zwischen den beiden Orten gab es gute Beziehungen – bis die Revolution kam. Die Schiiten blieben auf der Seite Assads. Anfangs hätten die schiitischen Nachbarn Informationen über die Oppositionellen an die Regierungskräfte gegeben, aber das sei vorbei, sagt Abu Hamad. Die Dorfvorsteher hätten ihre Seiten gewählt, aber beschlossen, sich nicht in die Angelegenheiten des anderen Dorfes zu mischen.

Fast jede Nacht tanzt der harte Kern der Demonstranten auf dem Dorfplatz. Singend fordern sie den Sturz des Regimes. Mal sind es zwanzig, dreißig Männer, mal hundert, zweihundert. Freitags kommt das ganze Dorf zusammen. Rund zweitausend Männer und am Rande einige kleine Gruppen von Frauen. Osama, 26 Jahre alt, Arabischstudent, war einer der ersten, der hier demonstriert hat. An dem Tag, als in Pakistan sein Namensvetter Osama bin Laden getötet wurde, kamen Sicherheitskräfte und haben ihn geholt. Sie haben ihm die Augen verbunden, ihn an den Armen aufgehängt, geschlagen und ihm Stromschläger verpasst. “Warum brauchst Du Freiheit?”, hätten sie gesagt. “Du musst getötet werden.”

Es gibt hier viele junge Männer und wenig Arbeit. Wer es irgendwie schaffte, ging ins Ausland, um Geld zu verdienen. Wer ein eigenes Gewerbe aufmachen wollte, musste sich an korrupten Beamten abkämpfen. Die Frustration war groß und sicherlich einer der Gründe, warum sie hier anfangs auf die Straße gegangen sind.

Abu Hamad hat eine andere Erklärung: “Die jungen Leute haben kein Geld bekommen, jetzt stehen sie auf der Seite derer, die sie bezahlen.” Nur für Geld gingen sie jeden Abend auf die Straße und demonstrieren. Nur für fremdes Geld desertierten sie und schlössen sich der Freien Syrischen Armee an. Ob er die Aktivisten oder die Deserteure schon ein mal gefragt habe, ob sie bezahlt werden und von wem? Nein. Sie sitzen neben ihm in einem kleinen, stickigen Raum, wo sie sich zu Zigaretten und Tee getroffen haben, und diskutieren. Zum ersten Mal fragt er sie direkt: “Bekommt ihr Geld?” Alle dementieren aufgeregt, fallen sich gegenseitig ins Wort, keiner würde irgendwas bekommen. Abu Hamad winkt ab. “Sie können einem nicht die Wahrheit sagen.”

Schon jetzt sei es hier unsicherer geworden, findet er. Nicht wegen der Kämpfe zwischen Armee und Aufständischen – die gab es hier schon seit drei Monaten nicht mehr – sondern allgemein. Es gebe keine staatliche Autorität mehr, die für Ordnung sorgen könne und die jungen Männer vom Stehlen abhalten. Ob das vorkommt, dass sich die Bewohner gegenseitig bestehlen? Abu Hamad verneint. Trotzdem sei es unsicherer geworden.

“Wir brauchen Hilfe vom Teufel”

Für die Oppositionellen hat der Mangel an staatlicher Autorität mehr Sicherheit gebracht – zumindest gefühlt. Sie haben keine Angst mehr auf die Straße zu gehen, ihre Meinung zu äußern. Die Demonstrationen sind Routine, niemand hindert sie hier. Die Armee und die Shabiha waren das letzte Mal im Oktober hier. Die Aktivisten sagen, dass sie nicht kommen können, weil die Freie Syrische Armee sie beschütze und die reguläre Armee im Zweifel zurückdrängen würde. Aber vermutlich haben die staatlichen Kräfte gerade mit größeren Problemen zu kämpfen. In Hama, Homs oder Daraa etwa, wo es viel Widerstand gibt. Die Freie Armee hat gerade einmal 50 Mann hier stationiert. Sie haben Kalaschnikows und Maschinengewehre – keine Waffen, um Panzer aufzuhalten.

Inzwischen sind Tausende Soldaten von der syrischen Armee desertiert und haben sich der Freien Armee angeschlossen. Aber bisher sind es vor allem Fußsoldaten, nur leicht bewaffnet. Sie sind keine substantielle Gefahr für die staatliche Armee. Dafür müssten ganze Kompanien samt schwerer Waffen desertieren. Aber da die Führung der Armee vornehmlich aus Alawiten rekrutiert wird, die Assad gegenüber loyal sind, ist das unwahrscheinlich. Die Lage in Syrien ist festgefahren. Assad will keine substantiellen Zugeständnisse machen, und die Opposition wird sich mit nichts weniger zufrieden geben als seinem Sturz. Doch außerhalb der Oppositionshochburgen hat sie bisher nicht genug Rückhalt. Und Assad weiß mit den Ängsten der Bevölkerung zu spielen.

“Wir müssen friedlich leben”, sagt Abu Hamad. Er wünscht sich die Zeit vor dem Aufstand zurück. Die Sicherheit, die Stabilität. Syrer, die zusammenstehen gegen Feinde von außen.

Osama, der junge Arabischstudent, wünschte, es gäbe sie, die ausländische Verschwörung gegen Syrien, von der Abu Hamad redet, die Assad für die Unruhen verantwortlich macht: “Wir brauchen Hilfe vom Teufel. Wir brauchen Hilfe von Israel, den USA, Großbritannien. Nur nicht Baschar.”