Das Ende von Asperger
Da ist dieser Schmerz, der mit den Menschen kommt. Immer wenn sie zu nah an ihr vorbeigehen, fühlt es sich an wie Messerstiche. Lange dachte Gabriele Fürst (Name geändert), dass sei normal. Sie hat sich gewundert, wie sich andere Menschen durch Einkaufsstraßen drängen. Das müsste kaum auszuhalten sein.
Fürst, 32 Jahre alt, leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer Entwicklungsstörung, die gemeinhin als leichte Form des Autismus definiert wird. Der Schmerz, der mit der Nähe kommt, ist nur eines der Symptome. Es sind nicht selten große Talente, denen große soziale Defizite gegenüberstehen. Sie kann Musikstücke auf dem Klavier nachspielen, nachdem sie sie einmal gehört hat, ohne jemals Klavierspielen oder Notenlesen gelernt zu haben. Sie singt in einem klassischen Chor, auch vor Publikum. Aber mit zwischenmenschlichem Kontakt, mit Einfühlungsvermögen hat sie Probleme.
Komplettes Feature auf tagesspiegel.de (erschienen in der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegels am 26. Oktober, 2009)
Die verlorenen Kinder Afghanistans
Jeden Tag kommt Zia in diesen Park und wartet auf eine bessere Zukunft. Er vertreibt sich dann die Zeit mit seinen Freunden, überlegt mit ihnen, wie sie an Essen kommen und an Geld. Die Parkbänke sind meist belegt. In der einen Ecke sitzen die Frauen, in den anderen die Männer, am Brunnen in der Mitte spielen die Kinder. Es wird Paschtu gesprochen und Dari und alle anderen afghanischen Sprachen. Die Menschen hier teilen die gleiche Geschichte, die vom Krieg handelt, von der Flucht und der Gefangenschaft, von den Misshandlungen und den Hoffnungen auf ein anderes, besseres Leben. “Jeder betet, dass er so schnell wie möglich aus dem Land kommt”, sagt Zia und meint nicht Afghanistan – er meint Griechenland. Der Park liegt mitten in Athen.
Komplette Reportage auf badische-zeitung.de (erschienen in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung am 31. Oktober, 2009)
Hellsehen mit Mathematik
Bruce Bueno de Mesquita kann die Zukunft vorhersagen. Ziemlich genau sogar. Er ist kein Kartenleger oder Handleser, sondern Politikwissenschaftler an der New York University. Alles, was er für seine Prognosen benötigt, ist ein bisschen Mathematik.
Seine Präzision ist beeindruckend. Da ist etwa diese Episode in den 80er Jahren. Geistiger Führer des Iran war Chomeini. Bereits fünf Jahre vor dessen Tod sagte Bueno de Mesquita voraus, dass Ali Chamenei sein Nachfolger werden würde. So kam es. 2008 hat Bueno de Mesquita prophezeit, wann der pakistanische Präsident Pervez Musharraf zurücktritt. Er lag auf den Monat genau richtig.
Komplettes Feature auf tagesspiegel.de (erschienen in der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegels am 26. Oktober, 2009)
Aus der DDR entlassen
Prag, Tschechoslowakei, 30. September 1989, 19 Uhr
5000 Flüchtlinge aus der DDR drängen sich auf dem Hof der Deutschen Botschaft. Auf den Balkon tritt Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Die Flüchtlinge setzen ihre Hoffnungen auf ihn, warten darauf, dass er dieses eine Wort ausspricht. “Liebe Landsleute”, setzt Genscher an, “wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…”. Ausreise, das Zauberwort. Der Rest des Satzes geht im Jubel unter.
Komplette Reportage auf badische-zeitung.de (erschienen in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung am 15. September, 2009)
Schnipsel für Schnipsel
Am Tag, als das Kölner Stadtarchiv in der Erde verschwand, hat Andrea Wendenburg dort gearbeitet. Wie viele ihrer Kollegen entkam sie nur in allerletzter Sekunde. Wenn sie sich daran erinnert, kommt ihr dieses Bild in den Kopf, wie das Gebäude langsam in sich zusammenfällt. Nur das Bild. “Keine Geräusche, keine andere Erinnerung”, sagt sie.
Als das Archiv noch stand, war Wendenburg für alles Großformatige zuständig – Baupläne, Stadtansichten. “Wunderbare Sachen”, schwärmt sie. Man sieht ihr an, dass die vergangenen Wochen anstrengend waren, dass das Bild noch nachwirkt. Seit dem Einsturz hat sie durchgearbeitet, versucht zu erhalten, was irgendwie zu erhalten ist. Zeit, ihre Gefühle aufzuarbeiten, blieb da nicht. “Es hilft zu sehen, dass die Sachen da rauskommen”, sagt sie. Schnipsel für Schnipsel geht es vorwärts.
Komplette Reportage auf badische-zeitung.de (erschienen in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung am 3. August, 2009)
Einmal im Mittelpunkt stehen
Das vereinigte Deutschland hat Mühe seine Mitte zu finden. Politisch sowieso. Auch seelisch war Deutschland nie so richtig im Gleichgewicht. Aber hier ist die Rede von einer richtigen Mitte: der geografischen. Eigentlich lässt die sich mathematisch eindeutig bestimmen. Sie ist der Ort, der möglichst nah an allen Grenzpunkten liegt. Doch Deutschland hat gleich fünf davon: Silberhausen, Niederdorla, Krebeck, Flinsberg und Landstreit. Diese Mittelpunktsinflation ist vor allem ein Definitionsproblem. Gehört die Zwölf-Seemeilen-Zone dazu oder nur das Staatsgebiet zu Land? Nimmt man für die Berechnung an, Deutschland sei flach? Oder bezieht man Unebenheiten mit ein?
Diese Sommerreise beginnt in Gera, einer Stadt ohne Mittelpunktsambitionen, im Wohnzimmer eines Lehrobermeisters in Ruhestand.
Komplette Reportage auf badische-zeitung.de (erschienen in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung am 30. Juli, 2009)
Die letzte Insel
Keine Reden, kein “trallala, es ist schade, dass Du so früh schon von uns gegangen bist” von einem Pfarrer, der ihn nie gekannt hat. “Klappe zu, Sarg verbrennen, meiner Frau die Urne übergeben. Basta.” So stellt sich Axel Schiller seine Trauerfeier vor.
Was er dabei anziehen wird, weiß er auch schon: braune Schuhe, einen grauen Anzug, eine graue Krawatte, ein weißes Hemd mit Manschetten und eine teure Uhr; nicht zu teuer, denn das wäre Verschwendung. Er hofft, auf dem Friedhof Ruhe zu finden: “Nicht dass da eine Party abgeht, und ich bin falsch gekleidet.”
