Ein kurzer Traum

Im Sommer 2015 mache ich ein Bild, das um die Welt geht: Das Bild einer geflüchteten Familie am Strand von Kos. Die Familie hat alles auf die Hoffnung Europa gesetzt, es bis nach Deutschland geschafft. Doch jetzt steht sie wieder am Anfang. 

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15. August 2015, Kos, Griechenland 

Ein kühler, klarer Morgen, vor mir das schwarze Meer. Noch ist es dunkel. Wie die Tage zuvor warte ich am Strand auf Boote mit Flüchtlingen, die nach Europa wollen. Ich arbeite als freier Fotograf und dokumentiere seit Jahren das Thema Flucht. An diesem Morgen bin ich im Auftrag der New York Times auf Kos, hier kommen im August 2015 die meisten der billigen Plastikboote an, die Schlepper über das Mittelmeer schicken.

Am Strand spielen sich absurde Szenen ab. Dutzende Fotografen drängen sich um jedes ankommende Boot und kämpfen um die gleichen Bilder. Ich habe mir einen Abschnitt vor einem Fünf-Sterne-Hotel gesucht, wo ich der einzige Fotograf bin. Langsam wandelt sich das Schwarz der Nacht in ein dunkles Blau. Ich erkenne eine Silhouette, die sich langsam auf die Küste zubewegt. In meinem Mietwagen rase ich den Strand entlang.

Ich erkenne, dass das Flüchtlingsboot Luft verliert und sich nur noch wenige Zentimeter über der Wasserlinie hält. Kurz bevor es den Strand erreicht, springen zwei junge Männer ins Wasser und ziehen es an Land. Dann steigt ein älterer, kräftiger Mann aus dem Boot. Seine Augen sind aufgerissen, er kann sich kaum auf den Beinen halten. Als die Gruppe in Sicherheit ist, fallen sich alle in die Arme. In der Dunkelheit ist es schwer zu fotografieren, ein Großteil meiner Bilder wird unscharf. Doch eines ist dabei, von dem ich sofort weiß, dass es mir viel bedeuten wird: Der kräftige Mann weint, sein Gesicht ist verzerrt von Gefühlen. Er ist erleichtert, aber noch überwältigt von der Angst der Überfahrt. Er hält seine Tochter auf dem Arm, den Sohn drückt er mit seiner kräftigen Hand an sich. Seine Frau lehnt sich erschöpft an ihn. Im Hintergrund das Boot.

In meiner Laufbahn, ja in meinem Leben war ich selten von einer Szene so berührt wie in diesem Moment. Ein Vater sorgt sich um seine Familie. Kinder suchen Schutz bei ihrem Vater. Wie sehr das Bild andere Menschen berühren wird, kann ich mir in diesem Moment noch nicht ausmalen. Die junge Tochter zittert, die Familie ist durchnässt. Ich packe diese sechs Menschen in mein Auto und fahre sie nach Kos, der größten Stadt der gleichnamigen Insel. Woher sie kommen, frage ich. “Syrien”, antwortet die Mutter. Woher in Syrien? “Deir ez- Zor.” Sie sagen mir, wer sie sind: Laith Majid Al-Amiri, 45, seine Frau Nada Marasma, 43, und ihre Kinder Mustafa, 18, Ahmed, 17, Taha, 9, und Nour, 6. Ich setze sie am Hafen ab und zeige ihnen, wo die Fähre zum griechischen Festland abfährt. Dann verabschiede ich mich, denn ich muss weiter, die Schlangen vor der Fähre fotografieren, das Gedränge an der Essensausgabe, die Menschen, die auf den Straßen übernachten.

Zwei Tage später erscheint das Bild in der New York Times. Kurz darauf wird mir klar, welche Wucht es entfaltet: Im Sekundentakt erreichen mich Twitter- und Facebook-Notifikationen, wochenlang wird das Bild retweetet, gelikt und geteilt. “Der Schmerz eines ganzen Landes im Gesicht eines Vaters”, schreibt eine Reporterin auf Twitter. Ich bekomme Interviewanfragen vom Spiegel, von CNN, BBC und Buzzfeed, außerdem Dutzende Nachrichten von Fremden, die helfen wollen. Manche bieten ihnen eine Wohnung an. Einer will sie nach Schweden schmuggeln.

Das Foto wird das Bild der Flüchtlingskrise prägen. Für viele symbolisiert es das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik. Es wird ein Eigenleben entwickeln, es werden Geschichten zirkulieren, die weniger mit dem Schicksal der Familie als mit den Hoffnungen, Erwartungen und Interpretationen der Betrachter zu tun haben. Oft ist das einzige Wahrhaftige an diesen Geschichten der Moment am Strand, den ich in dem Foto festgehalten habe. Und während es mir zu dem größten Erfolg meiner Karriere verhelfen wird, wird es Laith und seine Familie an das Scheitern ihres Traums erinnern. Eines Traums namens Deutschland. Doch an diesem 15. August weiß ich das alles noch nicht, da weiß ich noch nicht einmal, dass ihre Geschichte nicht in Syrien, sondern im Irak beginnt.

Juni 2015, Bagdad, Irak 

Taha, mit neun Jahren der jüngste Sohn, fährt mit seinem Fahrrad die Straße vor der Wohnung der Familie entlang. Ein Auto zieht an ihm vorbei, Männer steigen aus und versuchen, Taha in den Wagen zu zerren. Irgendwie rettet er sich nach Hause. Er ist knapp einer Entführung entkommen. Überraschend kam der Versuch nicht. Laith und Nada haben sich bescheidenen Wohlstand erarbeitet. Er ist Karosserieschlosser, sie Englischlehrerin. Sie haben eine Fünf-Zimmer-Wohnung in Karada, einem besseren Teil Bagdads, und können sich ein wenig Schmuck und gute Kleidung leisten. Doch mit dem Wohlstand kam der Neid. “Ihr habt das gute Leben, lasst uns daran teilhaben”, heißt es.

Karada ist religiös gemischt, Christen leben hier, Schiiten und Sunniten, zu denen Laith und seine Familie gehören. Seit dem Fall Saddam Husseins und seiner sunnitischen Minderheitsregierung haben Schiiten, die im Irak die Mehrheit stellen, de facto die Macht übernommen, auch auf der Straße. Schiitische Milizen kontrollieren viele Teile der Stadt. Unter Saddam wurden sie gedemütigt. Nun demütigen sie andere.

Zwei Jahre zuvor hat es bereits Nadas engste Familie getroffen. Milizen haben ihre Schwägerin, deren schwangere Schwester und deren Mutter für ein paar Ringe und Goldarmreife ermordet - vor den Augen der Töchter, drei und vier Jahre alt. Es kamen Drohungen gegen Laith und seine Familie: Er solle Schutzgeld zahlen, sonst würden seine Söhne umgebracht. Erst gab er ihnen 1400 Dollar, später 2500 Dollar. Dann der Entführungsversuch. Als Laith die Angst kaum noch erträgt, telefoniert er mit seiner Nichte, die ein halbes Jahr zuvor nach Deutschland geflohen ist. Angela Merkel wird die Grenzen erst Wochen später öffnen, aber die große Flucht aus dem Irak ist längst im Gange. “Der Weg ist offen. Kommt her, hier seid ihr sicher”, rät sie ihm.

Endlich scheint es einen Ausweg zu geben, ein Leben ohne Sorge, eine Zukunft für ihre Kinder: Deutschland. Seit Nada und Laith 1996 geheiratet haben, sparen sie am Ende jedes Monats etwas Geld. Jetzt ist der Moment gekommen, es einzusetzen - für die vage Hoffnung auf ein neues Leben. Sie gehen zur Bank, lösen ihre Wohnung auf, verscherbeln Möbel und Fernseher. Insgesamt kommen 32 500 Dollar zusammen. Genug, um eine sechsköpfige Familie nach Deutschland zu schmuggeln.

15. August 2015, Bodrum, Türkei 

Es ist das erste Mal, dass sie das Meer sehen. Im Süden der Halbinsel sind es nur fünf Kilometer von der türkischen Küste bis nach Kos - die gefährlichste Etappe ihrer Flucht. Die Schmuggler pumpen Plastikboote auf und zurren Elektromotoren ans Heck. Die Familie zwängt sich mit sieben anderen in ein Boot - es ist für sechs gedacht, sie sind 13. Einer der Männer reißt ihnen ihre Rucksäcke vom Körper und schmeißt sie ins Wasser. Mit Mühe rettet Nada ihre Handtasche, in der ihr gesamtes verbliebenes Geld liegt, gut 20 000 Dollar, eingewickelt in Plastikfolie, damit es nicht vom Meerwasser durchnässt wird. Auf dem Meer soll ein anderer Flüchtling das Boot steuern, doch er weiß nicht, wie. Die Kinder schreien, die Erwachsenen beten. Sie schaffen es gerade so.

28. August 2015, Berlin, Deutschland 

Nach mehreren Tagen, eingepfercht in Laderäumen von Lastwagen, erreicht die Familie Berlin. Sie stehen verloren auf einem Feld und gehen dorthin, wo sie die Stadt vermuten. Irgendwann treffen sie auf die Polizei und bitten um Asyl. Die Behörden antworten mit Strafanzeigen wegen illegalen Aufenthaltes.

Seit das Bild um die Welt gegangen ist, habe ich nach Laith und seiner Familie gesucht. Ohne Erfolg. Am Bahnhof in Budapest treffe ich zufällig ein syrisches Ehepaar wieder, das ebenfalls am 15. August in Kos gelandet ist. Ich frage sie nach der anderen syrischen Familie. “Welche syri-sche Familie?”, fragen sie zurück. Ich zeige ihnen das Bild. “Ah, die Iraker!” Ich erschrecke. Habe ich einen Fehler gemacht? Einfach angenommen, dass sie Syrer seien? Wieder und wieder gehe ich meine Erinnerung durch. Ein paar Tage später bekomme ich einen Artikel zugeschickt. Die Bild hat die Familie in Berlin gefunden: Sie kommen tatsächlich aus dem Irak. Am nächsten Morgen fahre ich nach Berlin.

8. September 2015, Berlin 

“Daniel!” Laith begrüßt mich mit festem Händedruck und vier Wangenküssen. Die Familie ist in der Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne in Spandau untergebracht und teilt sich ein Zimmer. Andere Flüchtlinge übernachten in Zelten auf dem Exerzierplatz. Laith und seine Frau haben inzwischen von ihrem Ruhm erfahren. Verwandte im Irak versuchten tagelang, sie zu erreichen, und fürchteten schon, dass Laith auf dem Foto deshalb weint, weil ein Teil der Familie ertrunken wäre. Am Telefon erzählten die Verwandten, dass das Foto im irakischen Fernsehen gezeigt wird und Demonstranten es bei Protesten gegen die Regierung hochhalten.

Ich frage Laith und Nada, warum sie sich mir gegenüber als Syrer ausgegeben haben. Sie sagen, einer der Schmuggler habe ihnen dazu geraten, damit sie nicht gleich zurückgeschickt würden und bessere Aussichten auf Asyl hätten. Die Chancen von Irakern seien deutlich schlechter. “Entschuldige, ich hoffe, wie haben dir keinen Ärger gemacht”, sagt Nada.

Am nächsten Tag fahre ich mit Laith, Nada und ihren beiden jüngsten Kindern in die Stadt. Sie haben sich noch nicht weit von der Kaserne weg getraut, weil sie Angst haben, nicht zurückzufinden. Ich zeige ihnen das Brandenburger Tor und den Dom. Laith filmt und fotografiert. Er ruft: “Beautiful! Beautiful!” Viel mehr Englisch spricht er nicht. Nour bleibt wippend bei jedem Straßenmusiker stehen. Nada zündet eine Kerze im Dom an. Sie wirken glücklich. In den nächsten Wochen leben sie sich ein. Nada traut sich, allein einkaufen zu gehen und mit selbst zubereitetem Essen ein bisschen Heimat in ihr Zimmer in der Kaserne zu holen. Sie besuchen Sprachkurse. Nour, die Jüngste, ist ehrgeizig und macht schnell Fortschritte. Am Telefon spricht sie mir deutsche Zahlen vor und ihre ersten Sätze. “Ich heiße Nour. Ich komme aus dem Irak.” Laith kämpft mit der Aussprache deutscher Laute.

Immer wieder kommen Journalisten, um sie zu interviewen. Ich sehe die Familie in der BBC und auf Channel 4, lese über sie auf Buzzfeed und in der Londoner Zeitung Guardian. Eine Reporterin nimmt sie mit auf den Weihnachtsmarkt. Vor der Kamera kämpft Laith mit den Tränen, als sie ihm mein Foto wieder zeigt. Mit der Zeit aber ändert sich die Stimmung der Familie. Sie wollen raus aus der überfüllten Kaserne. Die Putzkräfte kommen kaum nach, das Klima unter den Flüchtlingsgruppen ist angespannt. Iraker gegen Syrer, Syrer gegen Afghanen, Afghanen gegen Iraker. Zudem setzt drückende Langeweile ein. Schlafen. Essen. Putzen. Warten.

Bis zum Abschluss ihres Asylverfahrens sollen die Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen bleiben. Integration ist erst danach vorgesehen. Für die Kinder von Nada und Laith heißt das, dass sie für Monate nicht in die Schule gehen. Langsam realisieren sie, dass ihre Prominenz, ihr Status als Vorzeigeflüchtlinge keinen Unterschied für die deutschen Behörden bedeutet, dass sich nichts bewegt und ihnen niemand sagen kann, ob sie eine Chance haben zu bleiben.

7. Dezember 2015, Berlin 

Laiths Mutter liegt im Sterben. Er ist ihr einziger Sohn. Am Telefon fleht sie ihn an: “Ich will dich sehen, bevor ich sterbe. Das ist das Letzte, was ich will, bevor ich die Welt verlasse.” Laith beschließt, nach Bagdad zurückzukehren. Er kauft ein Ticket für 335 Euro: mit der Bahn von Berlin-Spandau nach Frankfurt, von dort ein Flug direkt nach Bagdad. Die irakische Botschaft hat ihm dafür ein Laissez-passer-Dokument ausgestellt, mit dem er in die Heimat reisen kann.

Zusammen mit seiner Familie macht er sich auf zum Bahnhof. Sie wissen, wenn er in den Zug steigt und die Grenzkontrolle hinter sich lässt, werden sie ihn auf absehbare Zeit nicht mehr sehen. Zurückzugehen hieße dortzubleiben. Aber seiner Mutter die Bitte abzuschlagen, würde er sich nie verzeihen. Als der Zug einfährt, fangen die Kinder an zu weinen. Taha kann nicht einschlafen ohne seinen Vater, Wange an Wange, sagt Nada. Selbst Mustafa, der Äl- teste, schluchzt. “Baba, ich kann nicht ohne dich sein.” Laith ist hin- und hergerissen. Seine Mutter verabschieden? Oder mit seiner Familie versuchen, ein neues Leben aufzubauen? Er entscheidet sich für die Familie. Noch im Bahnhof zerreißt er sein Laissez-passer und sein Ticket. Die Familie kehrt in die Kaserne zurück.

Februar 2016, Berlin/Erbil, Irak 

Laiths Schwester ruft an. Der Gesundheitszustand ihrer Mutter hat sich weiter verschlechtert. “Wenn ich hierbleibe, werde ich das ewig bereuen”, sagt Laith zu seiner Frau. “Genauso wenig kann ich dich hier zurücklassen. Vielleicht sehe ich dich dann nie wieder.”

“Aber hier sind wir sicher”, antwortet Nada. “Bitte komm mit mir, vielleicht können wir dann später wieder zurück nach Deutschland.” Nada gibt nach. Mustafa, der Älteste, entscheidet sich, in Berlin zu bleiben. Nada fragt Ahmed, ob er bei seinem Bruder bleiben will, aber Ahmed möchte mit seinen Eltern zurück in den Irak gehen. Nour, die Jüngste, will in Deutschland bleiben. Nada lügt, um sie zu beruhigen: “Wir kommen zurück.” Am 10. Februar fliegen sie nach Bagdad.

Seit September 2015 reisen monatlich rund 500 Iraker in ihr Heimatland zurück. Die Lage ist sicherer geworden, der Islamische Staat wird allmählich zurückgedrängt - und die Euphorie, mit der viele aufgebrochen sind, zerbricht an der Realität in Deutschland. Im Fall von Laith und seiner Familie liegen die Gründe irgendwo da-zwischen. An ihrer Geschichte zeigt sich, wie wenig sich das Schicksal von Flüchtlingen in die schwarz-weißen Kategorien pressen lässt, die immer wieder herangezogen werden, um die vielen Flüchtlinge zu erklären. Wurde die Familie Majid ausgebombt? Nein. Lebte sie in wirtschaftlicher Not? Nein. Hätte sie sich ohne das Wissen, dass die Grenzen in Europa einfach zu überwinden sind, auf den Weg gemacht? Vermutlich nicht. Hat sie gute Gründe für Asyl? Ich denke ja. Bedeutet ihre Rückkehr in den Irak nun, dass ihr Leben dort nicht mehr in Gefahr ist? Definitiv nicht. Die Angst und Verzweiflung vor ihrer Flucht, die Sicherheit und Hoffnung, die sie dann in Europa fanden - das verbanden viele Menschen mit meinem Bild, das ich am Strand auf Kos aufgenommen habe. Die Realität der Symbolfamilie ist aber komplexer.

Vermutlich ist ihre Geschichte ein realistischeres Abbild vieler anderer Flüchtlingsfamilien. Wer ist Wirtschaftsmigrant? Wer ist Kriegsflüchtling? Wer darf auf ein besseres Leben hoffen, wer muss zurück? Der Versuch, diese Fragen zu beantworten, führt unweigerlich in Grauzonen. Auf dem Weg zurück nach Bagdad landet ihr Flugzeug in Erbil zwischen. Laiths Telefon klingelt. Es ist seine Schwester: Ihre Mutter ist während des Fluges gestorben.

10. März 2016, Berlin/Bagdad 

In Flüchtlingsgruppen auf Facebook wird ein Artikel geteilt: “Flüchtling aus Syrien gewinnt €536.067,-“. Darüber ist ein Foto von Laith und seiner Familie in Berlin zu sehen, auf dem sie in die Kamera lachen. Die Geschichte ist erfunden, der Artikel macht Werbung für ein Online-Casino. Andere Flüchtlinge stellen Mustafa nach und fragen nach dem vermeintlichen Reichtum. Auch in Bagdad halten viele die Geschichte für echt: Nachbarn erkundigen sich bei Nadas Mutter nach dem Gewinn. Hier, wo für viel weniger gemordet wird, machen diese Fragen die Familie sehr nervös.

Es ist nicht das einzige Gerücht, das im Internet über die Familie kursiert. Kurz nachdem die New York Times das Bild veröffentlicht hatte, benutzte es eine Frau in den USA, um auf Facebook die Doppelmoral vieler ihrer Landsleute zu kritisieren. “Sprich nicht von der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, wenn du im nächsten Moment mit Schaum vorm Mund von ‘Illegalen’ und dem Horror, den sie einschleppen, redest.” 250 000 Menschen teilten ihren Kommentar, und weil die Frau nicht explizit über die Familie schrieb, sondern über die Situation in den USA, verstanden ihn viele so, dass die Familie von Nada und Laith Mexikaner seien, geflohen in die USA.

Als Kanada Ende Dezember 2015 25 000 syrische Flüchtlinge aufnimmt, verkündeten einige Facebook-User kurzerhand die Ankunft der Familie in Kanada. Auf die Geschichte fiel selbst ein prominenter Korrespondent der NBC News herein. Er postete sie weiter: 4800 Likes, 644-mal geteilt. Die schnelle Verbreitung von Gerüchten ist die Kehrseite der viralen Aufmerksamkeit im Internet. Dass ein Bild, egal von welcher Fraktion, politisch instrumentalisiert wird, lässt sich kaum vermeiden. Welche Verantwortung habe ich dabei? Die Kontrolle über die Verbreitung des Bildes habe ich längst verloren. Ich habe Dutzende Löschanträge bei Facebook gestellt und komme kaum mehr damit nach. Auch deshalb ist mir wichtig, diese Geschichte zu erzählen: um das Foto wieder mit dem wahren Schicksal der Familie zu verbinden.

Ich halte eine Rede vor der versammelten Redaktion der New York Times, oben auf dieser roten Treppe, die ich bisher nur aus Bildern kannte. Gerade hat der Chefredakteur verkündet, dass ich und meine Fotografenkollegen Tyler Hicks, Mauricio Lima und Sergey Ponomarev den Pulitzer-Preis für Nachrichtenfotografie für unsere Berichterstattung über die Flüchtlingskrise gewonnen haben. Das Foto von Laith und seiner Familie am Strand von Kos gehört zu den Bildern, die wir eingereicht haben. Anschließend trinken wir im Newsroom Champagner aus Plastikbechern.

Als Journalist gibt es wohl weltweit keine renommiertere Auszeichnung. Ich habe diesen Preis gewonnen, weil ich das Glück hatte, an diesem Moment am Strand teilzuhaben. In meiner Euphorie wähle ich Nadas Nummer. Ich probiere es einige Male, komme aber nicht durch. Schon in den Wochen zuvor habe ich erfolglos versucht, sie anzurufen. Auch auf meine Whatsapp-Nachrichten kam keine Antwort. Ich nahm an, dass sie nach Dutzenden Interviews einfach Ruhe haben wollen. Vom Reporter der Bild, der wie ich Kontakt zu der Familie gehalten hat, erfahre ich, dass die Familie Mitte Februar Berlin verlassen hat, er vermutet in Richtung Skandinavien, wo sich Verwandte von ihnen aufhalten. Erst Mustafa, der in Berlin geblieben ist, erzählt ihm, dass der Rest seiner Familie zurück im Irak ist. Die Geschichte der Rückkehr erscheint in der Bild und findet von dort ihren Weg auf www.breitbart.com, das Sprachrohr der Trump-Bewegung in den USA: “Pulitzer-Preis-Migranten leben gut im Irak, Sohn ist Krimineller in Deutschland”, heißt es in der Überschrift. Die Schreiberin nennt mein Foto von der Ankunft in Kos einen “wichtigen Propaganda-Sieg für die Pro-Migranten-Presse”. Sie labt sich an der Rückkehr und nimmt sie als Beleg dafür, dass es gar keine Flüchtlinge gebe, die Schutz verdient hätten. Das englische Wort für Flüchtlinge schreibt sie in Anführungszeichen.

Andere Menschen bewegt das Bild weiter. Ein Unternehmer mailt mir nun, er sei in einem Café in Tränen ausgebrochen, als er das Foto gesehen habe: “Ich habe keine Ahnung, was sein Beruf war, was ihn interessiert und wer seine Freunde sind, aber in seinem Blick sehe ich alles, was diesen Augenblick ausmacht: das Leid, die Erleichterung, die Freudentränen. Die zärtliche Fürsorge dieser kräftigen Arme, in deren Geborgenheit die zwei Kinder sich hineinklammern. Der Wunsch, ihren kleinen Herzen weiteres Leid zu ersparen. Die Liebe, die alles in Bewegung setzt, um zumindest ihnen eine vielleicht bessere Zukunft zu suchen. Als Väter wollen wir nichts sehnlicher als das.” Vielleicht hat dieses Foto deshalb so viele Reaktionen ausgelöst: Wir sehen keinen Fremden mit einer anderen Kultur und einer anderen Religion, sondern einen Menschen, der ausdrückt, was uns alle verbindet.

1. April 2016, Berlin

Mustafa weint, er trinkt zwei Gläser Weißweinschorle hintereinander. Er vermisst seine Familie, in Berlin ist er verloren. Wir sitzen in einer Touristenkneipe am Alexanderplatz. Vor zwei Wochen ist Mustafa in eine Schlägerei mit einer Gruppe Afghanen geraten. Laut seiner Erzählung haben sie ihm einen silbernen Armreif geklaut, den seine Mutter ihm geschenkt hatte. Daraufhin habe die Heimleitung ihm Hausverbot erteilt. Deshalb nennt www.breitbart.com ihn einen “Kriminellen”. Zwei Wochen lang hat er bei einem Freund auf der Couch oder auf der Straße vor dem Lageso übernachtet. Er sieht müde aus. Mustafa ist groß und schlank und hat feinere Gesichtszüge als sein Vater. Er spricht ein wenig Englisch, ein paar Brocken Deutsch. Er will hierbleiben. Im Irak sei es zu gefährlich für ihn als ältesten Sohn. Die Milizen hätten es vor allem auf ihn abgesehen. Irgendwie will er sich allein durchschlagen.

Oktober 2016, Berlin

Ich mache mich auf die Suche nach den Ausweisen von Laith und seiner Familie. Nada hat mich gebeten, sie mitzubringen. Ich habe monatelang auf ein Visum für den Irak gewartet, um sie zu besuchen und zu verstehen, warum ihre Geschichte diese Wendung genommen hat. Nun wurde es endlich erteilt. Nada sagte mir, die Ausweise seien in einer Polizeidienststelle in Berlin-Mitte zu finden. Der Beamte dort sagt: “Die sind freiwillig zurück. Das sollten Sie mal an die Medien geben. Vielleicht gehen die anderen Verrückten dann auch zurück.”

Er öffnet das Ausländerzentralregister auf seinem Computer: VZ461044. Al-Amiri, Laith, geboren am 21. Juli 1970, Aufenthaltsgestattung. Al-Amiri, Nada, geboren am 29. September 1971, Aufenthaltsgestattung. Ihre Anträge auf Asyl sind noch in Bearbeitung. Die Ausweise finde ich an diesem Tag nicht, sie stecken irgendwo in der deutschen Bürokratie. Am Abend fliege ich in Richtung Bagdad.

7.-11. Oktober 2016, Bagdad

Laith holt mich in meinem Hotel ab. Er trägt seinen besten Anzug und begrüßt mich wie immer mit festem Handschlag und vier Wangenküssen. Auf dem Weg zur Wohnung fahren wir an einem Supermarkt vorbei. Gegen meinen Protest kauft er mir süße Limonade und einen noch süßeren Kuchen - zwei Trage-taschen voll. Erst war ich in Sorge, wie er und seine Familie mich aufnehmen würden. Wollen sie mich überhaupt sehen? Wollen sie noch mit den Medien reden? Jetzt bin ich beruhigt.

Die folgenden fünf Tage verbringe ich mit der Familie in ihrer engen Wohnung in einem dunklen Apartmenthaus, wir gehen zusammen in die Moschee, picknicken im Park und fahren im Auto durch die riesige, staubige Betonwüste, die Bagdad ist. An einem Abend, wir sitzen im fensterlosen Wohnzimmer, meldet das Fernsehen drei Bombenanschläge in der Stadt. Die Familie hört kurz hin: zehn Tote, 37 Verletzte. Alltägliches Hintergrundrauschen. Sie wollten ja nicht wirklich zurück in den Irak. Laiths Wunsch, sich von seiner Mutter zu verabschieden, hat sie zu einer Entscheidung getrieben, die sie heute bereuen. “Für diesen Moment habe ich die Zukunft meiner Kinder zerstört”, sagt Laith.

In einem Interview, das er der BBC Ende 2015 in Deutschland gab, sagte er, dass er sich wünscht, mein Foto von ihrer Ankunft nie mehr sehen zu müssen, zu sehr erinnere es ihn an den Schrecken der Überfahrt. Gleichzeitig bedeute es ihm viel. “Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Foto so viel Sympathie von Deutschen und Freunden in der ganzen Welt auslösen kann.” Heute ist von seiner Freude wenig übrig. “Das Bild macht mich müde”, sagt er. Nada meint: “Wir haben unsere Zukunft verloren. Alles ist im Meer versunken, unser Geld, unser Leben. Wir sind zurück bei Null.” Dieser Schmerz, den das Bild bei Laith und seiner Familie auslöst - auch das ist eine Seite meines Berufes, mit der ich hadere: Voyeurismus, der aus persönlichen Schicksalen journalistische Geschichten macht.

Ich bin mir nicht immer sicher, ob es das wert ist. Wäre die Geschichte dieser Familie gut ausgegangen, wäre das wohl in den Hintergrund gerückt, aber heute bleibt nicht mehr viel Gutes zurück. Nach dem Tod seiner Mutter war Laith fast zwei Monate lang jeden Tag im Krankenhaus, erzählt Nada, so sehr habe ihn der Verlust mitgenommen. Atemnot, Bluthochdruck, Herzpro- bleme. In den ersten Wochen nach ihrer Rückkehr versuchte die Familie erst, sich ein Leben im kurdischen Teil des Landes aufzubauen. In der Stadt Erbil war es relativ sicher, aber Laith fand keine Arbeit. Inzwischen ist die Familie wieder in Bagdad. Laith arbeitet in derselben Autowerkstatt als Karosserieschlosser, in der er auch vor der Flucht angestellt war. Nada ist wieder Englischlehrerin. Sie sind in einen anderen Teil Bagdads gezogen, gegenüber von Nadas Familie. Zu fünft haben sie zwei Zimmer, eine kleine Küche und eine Diele, die auch Wohnzimmer ist. Hier kennen sie die anderen Nachbarn nicht, hier sind sie sicherer.

Aber die Sorge um ihre Kinder beherrscht ihr Leben wie kaum ein anderes Thema, das erlebe ich in den fünf Tagen immer wieder mit: Es sind die Tage von Ashura, dem wichtigsten Fest der Schiiten. Ich fahre mit Laith durch die Stadt. Überall am Straßenrand haben sie Stände aufgebaut und teilen Tee und Kekse aus. Für Laith ist das eine PR-Aktion für kriminelle Milizen. Für diejenigen also, die ihn erpresst haben, die versucht haben, seinen Sohn Taha zu entführen, und die die Schwägerin seiner Frau getötet haben. “Sie verschenken Tee und morden”, sagt er.

Wir biegen in die Straße zu ihrer Wohnung ein. Taha kommt uns entgegen. Er trägt ein rotes T-Shirt vom 15. Helmstedter Stadtlauf, gesponsert von der Sparkasse, das er in Deutschland als Spende bekommen hat. Laith weist ihn zurecht. “Du kannst jetzt nicht rausgehen, überall sind Milizen!” Taha kehrt um und trottet zur Wohnung. Am Abend sitzen wir im Wohnzimmer, Nour will zu einer Freundin, die in der Nachbarschaft wohnt. Ihre Eltern verbieten es. Es sei zu gefährlich. Nour fängt an zu weinen. “Sie will zurück nach Deutschland”, sagt ihre Mutter.

An einem anderen Abend kommt Ahmed spät nach Hause und versucht, sich an seinen Eltern vorbei in sein Zimmer zu stehlen. Sein Vater fragt ihn, wo er war. Ahmed antwortet ausweichend. Laith wird sauer, er wirft seinem Sohn vor, dass er sich in Gefahr gebracht hat. Er schmeißt Ahmed aus der Wohnung, schickt ihn zu Nadas Familie in das Haus gegenüber und läuft ihm kurz darauf nach. Jedesmal wenn Laith sich aufregt, bekommt er einen Kreislaufkollaps, auch jetzt. Er sackt auf einem Plastikstuhl vor der Wohnung zusammen, seine Familie spritzt ihm Wasser ins Gesicht und wedelt ihm Luft zu. Dann fährt ihn Nadas Bruder ins Krankenhaus. An meinem letzten Abend bei ihnen geben sie mir einen Koffer voller Kleidung und Dattel-Walnuss-Gebäck, den ich Mustafa in Berlin mitbringen soll. Außerdem fünf unterschriebene Erklärungen für die Ausländerbehörde: freiwillige Rücknahmen des Asylantrages für Al-Amiri, Laith, geboren am 21. Juli 1970, Al-Amiri, Nada, geboren am 29. September 1971, und ihre Kinder Ahmed, Taha und Nour.